Heimliche Aufzeichnungen einer Filmkritik-Studentin aus den Vorjurysitzungen

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Seit einigen Jahren bin ich Mitglied der Filmtage-Jury. Wir, die Jury, das ist ein kleiner filmverrückter Haufen, der gerne hitzig über Filme diskutiert. Jedes Jahr am Ende der Sommerferien, während der letzten Sonnentage, schließen wir uns in einen dunklen Raum ein. Ein Wochenende lang. Während sich alle anderen zum letzten Mal bräunen, werden wir zu Vampiren, die vors Fenster dicke Vorhänge zum Schutz vor dem Tageslicht hängen. Im Dunklen starren wir eingeschworen und gebannt auf das, was der Beamer an die Wand spuckt. Es ist nicht gelogen, wenn ich sage, dass es jedes Jahr Filme gibt, bei denen es uns vor Begeisterung die Schuhe auszieht. Und solche, bei denen wir schallend lachen. Und andere, von denen wir tief berührt sind. Oder deren Ende wir vor Spannung kaum erwarten können. Oft denke ich, dass sich Profifilmer von diesem Ideenreichtum eine Scheibe abschneiden könnten. Und gleichzeitig werden mit jedem Jahr die Schülerfilme selbst immer professioneller; die Schnitttechniken werden ausgefuchster und die Bild- und Tonqualität sauberer. Fast wie selbstverständlich nehmen wir diese Leistungen hin, weil sie so beiläufig sind, so offensichtlich und daher so unsichtbar; dabei ist das keine Selbstverständlichkeit! Obwohl an den Schulen in der Regel immer weniger Unterrichtszeit für Filmgruppen zur Verfügung steht, ist es umso erstaunlicher, welch aufwendige Projekte jedes Jahr eingereicht werden. Dennoch muss ich persönlich sagen, dass mich nicht immer unbedingt der perfekte, makellose Film anspricht. Ich finde es sehr charmant, wenn die Kamera wackelt oder der Ton nicht ganz sitzt, aber gleichzeitig mit leidenschaftlichem Einsatz gespielt oder ein unkonventioneller Gedanke verfolgt wird. Wenn ich sehe, dass die Menschen, die diesen Film gemacht haben, sich nicht hinter einer Professionalität verstecken, sondern ihre Eigenheiten in den Film einfließen lassen. Deswegen berühren mich vor allem solche Projekte, aus denen der schulische Kontext nicht mit Absicht weggelassen wird, und so getan wird, als handle es sich um ein professionelles Filmset. Ich mag es, wenn Klassenzimmer und Schulgelände einbezogen, aber irgendwie verfremdet und ganz als gewohnt benutzt werden. Wenn SchülerInnen und LehrerInnen ihre alltäglichen Texte sprechen, aber sie auf einmal in einem ganz anderen Zusammenhang auftauchen. Für mich liegt das Geheimnis guter Schülerfilme oft darin, dass sie in die skurrilen und absonderlichen Ecken des Schulalltags vordringen und diese filmisch neu entdecken. Ich bin schon gespannt, welche Filme uns im nächsten Jahr in unserer Vampirhöhle erwarten!

Katharina Schulz